"Eine Art Rebellion - aber ich fühle mich sauwohl"

Ein Interview mit Ex-Schlagersänger und Bartträger Matthias Carras

Matthias Carras, Bart, Style

Matthias Carras war erfolgreicher Schlagersänger – bis er sich entschloss, im März 2015 seine Karriere zu beenden. Der Grund: Ängste, Depressionen und Burn-out. Krankheitsbilder die Menschen im Rampenlicht gerne verschweigen. Der Hesse wählte jedoch bewusst einen anderen Weg – und erklärt im Interview was Bärte mit Neuanfang zu tun haben.

lifaa: Du warst 25 Jahre lang erfolgreicher Schlagerkünstler und hattest den größten Hit mit 'Ich bin Dein Co-Pilot' von deinem ersten Album aus dem Jahr 2000. Nach sechs weiteren Studioalben folgte 2015 das überraschende, selbst verkündete Karriereende wegen Ängsten, Depressionen und Burn-out. Was hat dich bewogen, diesen mutigen Schritt zu gehen?


Carras: Ich fühlte mich ausgebrannt leer und von den Fans aufgefressen. Jeder Auftritt wurde zur Qual. Ich musste mich teilweise hinter der Bühne vor Angst erbrechen. Die persönliche Nähe zu Fans hat in mir regelrechte Panik ausgelöst. Hinzu kamen Existenzängste, die durch das veränderte Konsumverhalten in der Musikbranche entstanden sind.




Nach einem langen Klinikaufenthalt war mir bewusst, ich kann alles nur verarbeiten, wenn ich mich mitteile. Ich stehe nicht alleine da mit dieser Krankheit. Ich möchte mit meinem “Outing” allen Betroffenen Mut machen. Mut machen, professionelle Hilfe anzunehmen.

lifaa: Wie waren die Reaktionen von Fans, Kollegen und deinem persönlichen Umfeld?


Carras: Meine Familie stand uneingeschränkt hinter mir und hat mir sehr geholfen. Von Freunden, Fans und Kollegen kam am Anfang oft Unverständnis. Viele wollten nicht kapieren, dass dieser “Hans Dampf in allen Gassen” plötzlich nicht mehr funktioniert. Auch daraus habe ich erkannt, dass Matthias Carras ein Produkt ist. Der Mensch dahinter drohte jämmerlich einzugehen.

lifaa: Die Krankheit Depression gilt immer noch als Tabu-Thema – viele scheuen es sich einzugestehen, dass sie darunter leiden und verheimlichen es vor Kollegen, Freunden und Familie. Was rätst du Betroffenen?


Carras: Ganz wichtig ist es diese Krankheit für sich selbst anzunehmen. Ein körperliches Leiden sieht jeder. Eine seelische Erkrankung bleibt meistens im verborgenen. Man hat Angst als schwach angesehen zu werden. In Wirklichkeit ist so, dass man zu lange zu stark war.


Betroffene sollten den Mut haben sich in eine Behandlung zu geben. Schon alleine der Umgang mit Mitpatienten gibt einem Kraft. Plötzlich sind da Menschen denen es genauso geht.


Lifaa Kurzwissen

Was sind Depressionen?


lifaa: Du schreibst „Das veränderte Konsumverhalten der Fans und der schlagerfeindliche Wandel der Radio- und Fernsehlandschaft sind ein weiterer Baustein“, der dich zum Rücktritt bewogen hat. Ist Schlagermusik - unter anderem auch wegen Künstlerinnen wie Helene Fischer - heute nicht populärer den je?


Carras: Es gibt leider nur wenige Künstler mit einem Ausnahmetalent, wie Helene Fischer.

In Helene wird investiert. Sie ist immer und überall. Künstler die nicht diesen Background haben gehen unter. Viele Sender schaffen sich ihre eigenen Stars, die anderen werden gar nicht mehr beachtet.


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lifaa: Du trägst Vollbart – doch die Gesichtsbeharrung ist nicht einfach nur ein Modestatement. Vielmehr stellt sie ein Lebensgefühl für dich dar. Könntest du erklären warum und wie es dazu kam?


Carras: Ich wollte schon immer einen Vollbart haben. In meinem ursprünglichen Beruf als Einzelhandelskaufmann in der Modebranche war das ein No go. Auch als konservativer Schlagersänger war es verpönt Bart zu tragen. Es passte nicht in das Klischee.


Heute darf ich wachsen lassen, was in mir steckt. Ich fühle mich mit jedem cm wohler. Mal sehen wohin die Reise geht. Auch habe ich jetzt einige Tattoos und Tunnels. Vielleicht eine Art der Rebellion, aber ich fühle mich Sauwohl. Ich mache gerade eine Ausbildung zum Barbier und somit ist auch mein Beruf jetzt meinem Lebensgefühl entsprechend.

lifaa: Du bist nicht alleine – in einer dazu gehörigen Facebook-Gruppe finden sich viele Gleichgesinnte. Egal ob Hetero-, Bi- oder 'Ganzanderssexuell', unabhängig von Religion und Politik oder sogar Geschlecht – aufgenommen wird, wer sich einen Bart stehen lässt. Oder Frauen, die solche Männer toll finden. Seht ihr euch als Teil einer neuen Bewegung?

Carras: Bewegung kann man glaube ich noch nicht sagen. Wir sind alle sehr individuelle Menschen, sei es von der Optik, von der Sexualität, dem Glauben u.s.w. Auch treffen ganz unterschiedliche Gesellschaftschichten aufeinander. Jeder aktzeptiert jeden, wir sind wie eine Familie.

Ich lebte viele Jahre in einer Welt aus Oberflächlichkeit. In der Gruppe habe ich echte Menschen, echte Freunde gefunden. Ohne diese Freunde hätte ich meine Krankheit nie überstanden.


Lifaa Kurzwissen

Was ist Burn-out?


lifaa: Nicht wenige Frauen sind der Meinung, dass der heutige Mann immer mehr von seiner Männlichkeit einbüßt – seht ihr euch bewusst als Gegenpol?


Carras: Ja wir sind alles andere als Meterosexuell. Wir lassen den Mann in uns raus.

Und dieser Mann ist bärtig und meistens sehr sensibel. Ich glaube viele Frauen und Männer stehen darauf.


lifaa: Viele Menschen wünschen sich ein Leben im Rampenlicht wie du eines geführt hast – was aber viele nicht sehen, vielleicht blenden manche Lichter mehr als sie strahlen. Sicherlich sollte jeder seine Leidenschaft leben – was aber rätst du Menschen auf der Suche nach dem Lebensglück?


Carras: Ganz klar “bleibe immer Du selbst”. Lass Dich nicht verbiegen, sonst profitieren nur die anderen von Dir und Du selbst gehst unter.


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