Sei du selbst - oder lieber ganz anders

von Anuschka Bacic

nackte Beine, alleine, Wald

Alle haben Erwartungen an uns – aber Anuschka Bacic fragt sich, ob sie diese Anforderungen immer erfüllen will. In ihrer Kolumne stellt sie die Frage, warum jeder ein Smartphone braucht, wie man am besten seine Chamäleon-Hälfte bezwingt und weshalb komischerweise immer alles im Fluss ist - wenn man eigentlich gegen den Strom schwimmt.

Ein gut gemeinter Rat von Freunden oder auch mal ein beliebter Kalenderspruch: „Sei einfach ganz du selbst!“ Doch was heißt das eigentlich?


Wie oft stehe ich vor Entscheidungen und muss abwägen, was ich als Nächstes tun soll. Wie reagiere ich auf gewisse Situationen? Und fällt meine Reaktion dann nur deshalb so aus, weil es von mir auf dieser Weise erwartet wird, getreu dem Motto: „das macht man so“ oder ist es wirkliche MEINE Entscheidung? Dann fühle ich mich oft wie zwei geteilt. Die eine Hälfte ist die echte und reine Anuschka und die andere Hälfte ist die Chamäleon-Anuschka, die dazu neigt, sich ihrer Umgebung anzupassen.


Hand aufs Herz: Wann bist du ganz du selbst? Passt auch du dich nicht doch oft aus Angst und Unsicherheit an? Vielleicht unbewusst? Auch ich kenne das Gefühl, nicht als Flamingo zwischen Kranichen stehen zu wollen. Keiner von uns will unnötig auffallen und läuft deshalb immer wieder Gefahr, sich einfach der Schafherde anzupassen. Das ist bequemer und vermeidet Diskussionen.




Werbung, Fernsehen, Internet, Freunde, ein neuer Chef... Alle haben Erwartungen an uns, wie wir sein sollen oder was wir konsumieren sollen. „Wie? Du hast KEIN Smartphone?“ ist dabei meine persönliche Lieblingsfrage. Meine Chamäleon-Hälfte denkt: Ja, das stimmt, es ist höchste Zeit, dass auch ich ein Smartphone besitze. Wie soll ich sonst in der Öffentlichkeit telefonieren oder bei jeder Gelegenheit meine Mails checken? Das ist schon langsam peinlich ein „normales“ Handy zu besitzen. Ich bin echt eine Neandertalerin.


Doch meine wahre und reine Hälfte weiß:
Es ist nicht wichtig, was für ein Handy ich habe. Die Hauptsache ist doch, dass ich erreichbar bin und im Notfall jemanden anrufen kann. Punkt.

Smartphone, Nails, Video

Die Frage bei diesem Beispiel ist doch: Brauche ich wirklich ein Smartphone oder meine ich nur, es zu brauchen, weil alle anderen es schon lange haben? Die Meisten werden behaupten, dass sie ein Smartphone einfach praktisch finden und es nur deshalb haben. Doch ist das wirklich so?


Wir werden tagtäglich aus dem Außen beeinflusst und mit Reizen überflutet, sodass wir manchmal nicht mehr wissen können, was genau wir selbst eigentlich wollen oder wer wir wirklich sind. Das Formen und Kneten der Persönlichkeit fängt schließlich schon in der Kindheit an. Da kann der gut gemeinte Rat „Sei ganz Du selbst“ natürlich nicht wirklich funktionieren, wenn für Individualität gar kein Platz ist oder man das Gefühl hat, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man eben mal nicht der Herde folgt. „Ich bin halt anders...“, ist ein Satz, der mir schon oft in Unterhaltungen begegnet ist. Dabei schwingt leider oft ein Gefühl der Entschuldigung mit.




Natürlich gibt es allgemeine Regeln, Normen und Höflichkeitsformen, an die sich jeder halten sollte. Sonst landet unsere Gesellschaft im Chaos. Doch ich habe das Gefühl, die Grenze zur eigenen Meinung und Individualität verschwimmt zunehmend.


Wenn ich mich zum Beispiel dazu entschließe, beim Spaziergang durch den Wald eine Tüte mitzunehmen, um hier und da den Müll vom Boden aufzuheben, dann ist das die echte Anuschka. Natürlich wäre es leichter meiner Chamäleon-Hälfte nachzugeben und wie alle anderen den Müll zu ignorieren oder darüber zu steigen. Doch was kann der Wald dafür, dass viele Leute zu beschränkt sind, um zu kapieren, dass Müll in den Mülleimer und nicht auf den Boden gehört? In so einer Situation muss ich abwägen: Will ich von den anderen Spaziergängern im Wald doof angeschaut werden, weil ich den Müll fremder Leute aufsammle oder will ich stattdessen lieber nicht auffallen und einfach wie alle anderen unachtsam den Müll ignorieren?


Ich stehe immer wieder vor der Wahl: Tue ich etwas, weil ich es für richtig halte oder weil es alle anderen genauso machen und es dadurch „normal“ ist. Doch ist normal überhaupt immer auch automatisch gut?

Chamäleon, Hand, schlecht gelaunt

Hast du dich schon mal gefragt, was von dir übrig bleibt, wenn du einmal alle deine kleinen und großen Besitztümer beiseite nimmst, deinen Lebenslauf vergisst und all deine erbrachten Leistungen außer Acht lässt?


Richtig. Oft kommt dann ein großes Fragezeichen. Ich vermute, viele von uns kennen ihre wahre Stärke und ihre echten Talente gar nicht. „Sei ganz du selbst“ muss daher wohl eher heißen:
„Habe den Mut, dich selbst kennenzulernen.“




Sich mit anderen zu vergleichen kann insofern sinnvoll sein, um sich selbst zu erkennen und nicht, um anderen alles nachzumachen. Und schon gar nicht, um sich selbst auf- oder abzuwerten. Authentisch zu sein oder besser gesagt zu werden, ist daher meiner Idee nach ein lebenslanger Prozess und nichts, was in einem Satz mal eben so dahin gesagt ist.


Übrigens: Wenn ich es schaffe, ganz ich selbst zu sein und meine Entscheidungen frei treffe - ohne Druck von außen und ohne auf die Stimme meines Egos zu hören - dann ist wie durch Zauberhand alles in meinem Leben im Fluss und ich fühle mich richtig gut. Obwohl ich dabei paradoxerweise oft gegen den Strom schwimme.


Doch um an diesen Punkt zu kommen, ist es immer wieder aufs Neue ein mühsamer Weg. Wie ein Kampf durch den Dschungel, bei dem ich Hindernisse überwinden und mich von Lianen freimachen muss, die mir die Sicht erschweren.


Ich persönlich werde versuchen meine Chamäleon-Hälfte so zu trainieren. Sodass sie sich weniger meiner Umwelt, sondern meiner anderen Hälfte, der echten Anuschka, anpasst. Denn dann bin ich vollständig und somit ich selbst.


Ehrenann, Manuel

Über die Autorin:


Anuschka Bacic ist Journalistin, Moderatorin und Autorin. Sie arbeitete als Fernseh-Reporterin für den NDR, den Lokalsender heimatLIVE sowie als TV Operator auf der MS Europa bzw. als Video Managerin auf der MS Amadea.

www.anuschka-bacic.de


Whatsapp

Artikel zum Thema:








Kommentar schreiben

Kommentare: 0